Objektive - Der Blenden-Wahn

Wenn Sie fleißig einschlägige Fotomagazine und zahllose Internet-Tests studieren (so wie ich anfangs auch), können Sie eigentlich nur zu einem Schluss kommen: Man kann nur vernünftig mit Objektiven fotografieren, die mindestens eine maximale Offenblende von 1.4 haben. Gut, diese Objektive sind ein klein wenig teurer als lichtschwächere Optiken (mitunter bis zu 3 mal so teuer), aber man möchte halt das Beste.

Auf einem Workshop erzählte mir ein Teilnehmer, der ein Nikkor 85mm/1.8, (ca. 450,-) auf der Kamera hatte, er würde für das Nikkor 85mm/1.4 (ca. 1.550,-) sparen. Als ich ihn nach dem "Warum?" fragte, kam wie aus der Pistole geschossen: "Mehr Lichtstärke und bessere Freistellung". Beleuchten wir doch einmal diese beiden Argumente ...

Freistellung


Mit dem Begriff "Freistellung" ist normalerweise die Trennung des eigentlichen Motivs (scharf) gegenüber dem Hintergrund (unscharf) gemeint. Folgende Parameter wirken sich elementar auf das Schärfe-/Unschärfeverhältnis zwischen Motiv und Hintergrund aus:

  • Blende - Je weiter die Blende geöffnet, desto kleiner der scharfe Bereich des Bildes.

  • Brennweite - Je länger die Brennweite, desto kleiner der scharfe Bereich des Bildes.

  • Entfernung zwischen Motiv und Kamera (*) - Je kleiner der Abstand, desto unschärfer der Hintergrund.

  • Entfernung zwischen Motiv und Hintergrund (*) - Je größer der Abstand, desto unschärfer der Hintergrund.

(*) Natürlich kann zusätzlich das Verhältnis der beiden Abstände eine Rolle spielen. (Wenn Sie z.B. aus 20m Entfernung fotografieren, ist es ziemlich egal, ob das Model 1m oder 2m vom Hintergrund entfernt ist.)

Hier ein Beispiel (50mm, f/1.8) zur Entfernung:

Beim ersten Bild betrug der Abstand zwischen Kamera und Motiv 50cm. - Das weiter entfernte Auge ist bereits unscharf. Beim zweiten Bild wurde lediglich der Abstand auf 1m vergrößert. - Das entfernte Auge und der Hintergrund sind nun deutlich schärfer - bei gleicher Blende.

Noch ein Beispiel, der Abstand zwischen Kamera und Motiv beträgt ca. 50cm:

Das erste Bild wurde mit einer Blende von 1.8, das zweite mit 2.8 aufgenommen. Erkennen Sie einen signifikanten Unterschied beim Schärfe-/Unschärfeverlauf?

Ein letztes Beispiel, diesmal mit veränderter Brennweite, Abstand und Blende:

Das erste Bild wurde mit einer Brennweite von 50mm, einer Blende von 1.8 und aus einer Entfernung von 2m aufgenommen, das zweite mit einer Brennweite von 135mm, Blende 5.6 und 1m Abstand. Der Schärfe-/Unschärfeverlauf ist nahezu gleich.

Diese Beispiele zeigen, dass es entgegen der weit verbreiteten Meinung nicht ausschließlich von der Blende allein abhängt, wie extrem sich der Schärfeverlauf in einem Bild darstellt. Weiterhin sind die Unterschiede zwischen halben bzw. drittel Blendenstufen äußerst gering.

Lichtstärke

Mit dem Argument "Lichtstärke" sind wir schnell fertig:

Zwischen Blende 1.4 und 1.8 liegen zwei Drittel-Blenden (die nächste "volle" Blende wäre "2"). Den Lichtverlust von einer Blende kompensieren Sie mit der Verdopplung des ISO-Wertes. Wenn Sie also mit ISO 100 und Blende 1.4 fotografieren, können Sie auch mit ISO 200 und Blende 2.0 oder mit ISO 400 und Blende 2.8 arbeiten. Von der Belichtung her ist das schlicht wurscht.

Anwendung


Denken Sie einmal darüber nach, wie oft Sie mit welcher Blende fotografieren. Ich habe mal meine Fotografier-Gewohnheiten der letzten Jahre analysiert:

Blendenbereich

2014

2015

2016

2017

<= 1.8

2,0%

0,6%

1,1%

1,1%

<= 2.8

6,8%

7,7%

4,4%

3,9%

<= 3.5

2,5%

5,6%

4,0%

0,5%

<= 4.5

27,6%

14,4%

14,5%

5,1%

<= 5.6

18,6%

16,1%

15,8%

6,3%

<= 8

33,9%

40,1%

46,2%

74,4%

<= 11

7,0%

10,7%

13,4%

6,8%

<= 22

1,5%

4,9%

0,5%

2,0%

Wie Sie der Tabelle entnehmen können, mache ich 80-90% meiner Bilder mit einer Blende > 3.5 und nur eine Handvoll Bilder mit großer Offenblende (<= 2.8). Bei rund 4.000 Bildern pro Jahr ist für mich persönlich daher die Investition in sehr lichtstarke Objektive unsinnig.

Wenn Sie natürlich signifikant mehr als ich im "Offenblend-Bereich" unterwegs sind, sieht das sicherlich anders aus, in dem Fall lohnt sich wahrscheinlich dann doch die Investition in die teuren Gläser.

Tipp: Überlegen Sie, ob und wie oft Sie tatsächlich eine Blende von 1.4 benötigen. Lassen Sie sich nicht von irgendwelchen Testberichten dazu verleiten, nur die teilweise sündhaft teuren Linsen mit einer 1.4-Lichtstärke in Betracht zu ziehen. In Zeiten, in denen Sie auch mit höheren ISO-Zahlen gute Fotos schießen, kommt es wirklich nicht auf eine zweidrittel Blendenstufe an.

Der amerikanische Fotograf Matt Granger hat einmal auf Youtube die beiden Objektive Nikon AF-S 85mm 1.4 (ca. € 1.550,-) und Nikon AF-S 85mm 1.8 (ca. € 450,-) in einem Praxistest miteinander verglichen. Sein Fazit: "Das 1.8'er kann zu 95% das, was das 1.4'er auch kann - zu einem Drittel des Preises."