Bildbearbeitungssoftware








In der Modelfotografie treffe ich immer wieder Spezialisten, die mir erklären: "Bildbearbeitung? - Mache ich nicht, meine Bilder bleiben "OOC" (Out-Of-Camera)."

Mal ehrlich: Fahren Sie auch mit Ihrem Auto "OOF" (Out-Of-Factory) ohne Lackierung rum? - Gerade in der Modelfotografie (und erst recht in der Beauty-Fotografie) benötigt praktisch jedes Bild eine (mehr oder weniger) umfangreiche Nachbearbeitung. Ein paar Fältchen hier, die ein oder andere Hautunreinheit da, schiefstehende Härchen, das abgeschnittene Bein eines Stativs oder Fussel auf der Kleidung. - Es ist praktisch unmöglich, bereits beim Shooting sämtliche Bildstörungen vollständig zu vermeiden.

Um das Beste aus Ihren Bildern herauszuholen, kommen Sie um die Verwendung einer Bildbearbeitungssoftware nicht herum. Und Bildbearbeitung ist aufwändig - sehr aufwändig ...

Grafiktablett


Grundsätzlich rate ich dazu, bei der Bildbearbeitung ein Grafiktablett zu verwenden. - Mit der Maus ist es mir zu mühsam und ungenau. Ein wirklich gutes Teil für gerade mal 60,- ist das Wacom Intuos Draw S. Für rund 35,- gibt es das "Wireless Kit" dazu, man spart sich so das lästige Kabel (sehr zu empfehlen für Bildbearbeitung am Notebook auf der Couch).

Wer es ein wenig teurer mag, kann beim Intuos Pro S für ca. 200,- zuschlagen, da ist dann das Wireless Kit schon mit dabei und außerdem ein (besserer) Stift, ein paar (programmierbare) Knöpfchen und eine Touch-Funktion (die man aber nicht wirklich benötigt). - Die Größe "S" ist übrigens für die Bildbearbeitung absolut ausreichend.

Nach nur 1-2 Stunden Einarbeitungszeit (üben, üben, üben) ist man mit einem Grafiktablett bereits flott unterwegs und kann Bearbeitungsschritte vollziehen, die mit einer Maus unmöglich sind.

Software


Bildbearbeitungs- und -verwaltungsprogramme stehen in gigantischer Anzahl zur Verfügung, die Herausforderung für jeden Fotografen besteht darin, eine für ihn sinnvolle Softwareauswahl zu treffen und in seinen Bildbearbeitungs-Workflow zu integrieren. Ich möchte hier lediglich einige recht verbreitete Programme kurz vorstellen, mit denen ich bereits zu tun hatte bzw. die ich in meinem Workflow verwende.

Adobe Photoshop


Die meisten Treffer bei Internet-Recherchen weisen stets auf Photoshop hin, was darin begründet liegt, dass das Programm bereits seit Anfang der 90'er existiert und sich dementsprechend bis heute einer großen Verbreitung (ca. 10 Millionen Mac- und Windows-Anwender weltweit), vor allem im Profi-Bereich, erfreut.

Für meine Verhältnisse war die Anschaffung von Photoshop vor 2013 einfach zu teuer, einige meiner Bekannten zogen sich Raubkopien, andere erschlichen sich mit VHS-Kursen die günstigeren Schullizenzen. Da Bildbearbeitung bei mir zu dieser Zeit keinen allzu großen Stellenwert hatte, behalf ich mich mit Free- und Sharewareprogrammen, erst mit dem Abo-Modell wurde Photoshop für mich (endlich) erschwinglich.

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Viele Hobbyfotografen stehen Photoshop ablehnend gegenüber, zumal Adobe in 2013 ein Abo-Modell eingeführt hat, bei dem die Software nicht mehr gekauft werden kann, sondern gemietet werden muss. Ich persönlich finde das neue Lizenzmodell gar nicht so schlecht: Für ca. 140,- pro Jahr erhält man das "Adobe Creative Cloud Foto-Abo", ein Paket aus Photoshop und Lightroom. - Zum Vergleich: In 2013 kostete die letzte Kaufversion "Photoshop CS6" (ohne Lightroom) rund 800,-.

Genau wie andere Bildbearbeitungsprogramm bietet Photoshop einige spannende Vorteile, ein paar Nachteile gibt's jedoch auch:

Vorteile

  • Extreme Verbreitung: Es gibt praktisch keinen Bearbeitungsschritt in Photoshop, der nicht im Internet, Büchern oder Tutorials bestens dokumentiert ist. Eine Lösung ist immer zu finden.

  • Unbegrenzte Möglichkeiten: Mit Photoshop kann man, was Bilder betrifft, so ziemlich alles machen. Keine andere Software bietet so viele verschiedene Lösungsansätze und professionelle, ausgereifte Tools.

  • Geschwindigkeit: Einen halbwegs potenten Rechner (mit ordentlich RAM) vorausgesetzt dürfte Photoshop das schnellste Programm am Markt sein.

  • Bridge: Mit an Bord ist die Software "Bridge", eine extrem schnelle, dateibasierte Bildverwaltungssoftware - durchaus eine Alternative zu der behäbigeren Bilddatenbank Lightroom.

Nachteile

  • steile Lernkurve: Photoshop ist kein Programm, mit dem man ab und zu mal ein Bild bearbeitet. Dafür ist die Software viel zu komplex, es ist als Anfänger in der Bildbearbeitung mit einer sehr langen Anlernzeit zu rechnen, viele Lösungsansätze sind alles andere als intuitiv (z. B. Frequenztrennung), und man muss ständig am Ball bleiben, um nicht jedes Mal aufs neue Tante Google fragen zu müssen.

  • Programmumfang: Da Photoshop schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat, hat sich innerhalb des Programms ein Haufen (zumindest für mich) überflüssiges Zeug angesammelt, das die meisten Anwender niemals benötigen dürften und die das Programm in Gänze unübersichtlich machen.

  • Unbegrenzte Möglichkeiten: Auf der einen Seite ein Vorteil, andererseits ist bei jedem Bearbeitungsschritt eine Entscheidung zu treffen, welche der zig Funktionen nun die beste ist.

  • "Photoshoppen": Durch die unzähligen Filter und Einstellungen wird man - zumindest am Anfang - leicht dazu verführt, seine Bilder zu stark zu verfremden. Der Klassiker sind die im Internet häufig anzutreffenden "Bügelgesichter", bei denen ich oft unsicher bin, ob nun ein Model oder eine Schaufensterpuppe abgelichtet wurde.

Ich halte Photoshop für das beste Bildbearbeitungsprogramm, das es derzeit am Markt gibt. Wer sich intensiv mit dem Programm auseinandersetzt und die erforderlichen Bearbeitungsschritte für seinen persönlichen Workflow ausarbeitet, wird eine Menge Spaß mit toll aufgepeppten Bildern haben.

Gimp


Gimp ist ein erweiterbares Open Source-Bildbearbeitungsprogramm, das Mitte der 90'er das Licht der Welt erblickt hat. Durch den Umstand der kostenfreien unbegrenzten Nutzung und der Lauffähigkeit unter Linux (neben Windows und OS X) ist es sehr weit verbreitet.


Bei Gimp scheiden sich die Bildbearbeiter-Geister: Die einen lieben es (und würden niemals ein Bild mit Photoshop bearbeiten), die andern (meistens Photoshop-Benutzer) hassen es.

Grundsätzlich ist unter Gimp alles möglich, das auch unter Photoshop machbar ist - allerdings ganz anders, da das Bedienkonzept und die Programmfunktionen größtenteils von der "Photoshop-Funktionalität" abweichen. - Googeln Sie einmal nach "Frequenztrennung Photoshop" und dann nach "Frequenztrennung Gimp", dann wissen Sie, was ich meine.

Obwohl Gimp ein nicht-kommerzielles Programm ist, das von engagierten Zeitgenossen entwickelt wurde (und wird), sind die Zeiten, in denen man mit Abstürzen und Dateiverlusten leben musste, schon lange vorbei. Gimp hat sich in den letzten Jahren zu einer stabilen und performanten Software entwickelt, die durch Filter und Plug-Ins beliebig erweitert werden kann und die (genau wie Photoshop auch) professionelle Ergebnisse in der Bildbearbeitung ermöglicht - und das kostenlos.

Ich habe lange mit Gimp gearbeitet und muss sagen: wer den großen Lernaufwand nicht scheut und mit der Software zu arbeiten weiß, wird mit einem mächtigen (und kostenlosen) Programm belohnt.

Obwohl Gimp ein gänzlich anderes Konzept zugrunde liegt, weist dieses Programm ganz ähnliche Vor- und Nachteile auf:

Vorteile

  • Kostenlos: Die Nutzung von Gimp kostet keinen Cent. Es ist ein mächtiges Bildbearbeitungsprogramm zum Nulltarif.

  • Extreme Verbreitung: Genau wie bei Photoshop auch gibt es im Internet, in Büchern oder Tutorials genügend Hilfestellung für jedes Problem.

  • Unbegrenzte Möglichkeiten: Auch mit Gimp stehen einem ambitionierten Bildbearbeiter alle Türen offen - nur eben anders als in Photoshop.

  • Geschwindigkeit: Nicht ganz so flott wie mit Photoshop, aber immer noch schnell (vernünftiger Rechner vorausgesetzt) ist man auch bei Gimp in der Bildbearbeitung unterwegs.

Nachteile

  • steile Lernkurve: Gimp ist mindestens genauso komplex (und wenig intuitiv) wie Photoshop, eine gründliche (und langwierige) Einarbeitung ist unumgänglich.

  • Programmumfang: Auch bei Gimp hat sich im Lauf der Jahrzehnte einiger Firlefanz (meine Meinung) ins Programm geschlichen, der das Programm unübersichtlich macht.

  • Unbegrenzte Möglichkeiten: Auf der einen Seite ein Vorteil, andererseits ist bei jedem Bearbeitungsschritt eine Entscheidung zu treffen, welche der zig Funktionen nun die beste ist.

Für meinen Teil habe ich mich vor einigen Jahren (nach Erscheinen des Abo-Modells von Adobe) für Photoshop - und gegen Gimp - als das Programm meiner Wahl entschieden. Das war eher eine Bauch- statt einer Kopf-Entscheidung. Photoshop bietet mir (subjektiv) einfach einen Hauch mehr Professionalität. Allerdings reift gerade eine spannende Alternative heran ...

Affinity Photo


Von der britischen Software-Schmiede Serif wurde 2016 die Software "Affinity Photo" auf den Markt gebracht. - Zunächst nur für den Mac verfügbar gibt es seit Anfang 2017 auch eine Version für Windows.

Affinity Photo wird als schlanke und preiswerte Alternative zu Photoshop angepriesen. Zunächst dachte ich: "Ok, gab's schon x-fach von anderen Herstellern, war jedes Mal nur eine müde Kopie vom Original." Trotzdem schaute ich mir die Serif-Website an und suchte im Web nach Anwenderberichten - und war erstaunt, als ich nur Positives zu sehen bzw. zu lesen bekam.

Ich ließ mich auf das Experiment ein und kaufte für ganze 40,- (aktuell ca. 55,-) die Software - und zwar kein Abo, sondern die Vollversion, die auf max. 2 Rechnern installiert werden darf ...

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Nach dem Start erwartet den ambitionierten Bildbearbeiter ein aufgeräumter, gut strukturierter Programmbildschirm, als Photoshop-Benutzer fühlt man sich sofort zu Hause. Schnell findet man sich zurecht, und alleine durch einfaches Rumprobieren offenbaren sich teilweise extrem mächtige Funktionen - die sogar besser als im großen Konkurrenten umgesetzt sind.

Vergleich Affinity/Photoshop

  • Affinity kann alle möglichen Bildformate (inkl. .PSD-Dateien) lesen - und auch schreiben.

  • Die von mir häufig eingesetzte Frequenztrennung: In Photoshop (oder Gimp) ist diese eine Wissenschaft für sich, verbunden mit einer Reihe teils unlogischen und wenig intuitiven Programmschritten. In Affinity Photo ist die Frequenztrennung bereits nativer Programmbestandteil (Filter - Frequenzen trennen), mit nur zwei Mausklicks liegen die hohen und niedrigen Frequenzbereiche des Bildes als Ebenen vor.

  • Mit der "Develop Persona" bietet Affinity einen voll funktionsfähigen Raw-Konverter, der allerdings im direkten Funktionsvergleich zu Photoshops Camera Raw (noch) nicht ganz mithalten kann.

  • Auch die Export-Funktionen sind zwar schon ziemlich mächtig, an die ausgefeilten Möglichkeiten von Photoshop reichen sie indes nicht heran.

  • Mit den "Live-Filtern" zeigt Affinity Photoshop eine lange Nase. Filter können beliebig verschachtelt an eine Ebene gebunden werden. - Eine wesentlich schlankere und schnellere Lösung als das Smartobjekt-Gehampel von Photoshop, allerdings werden die Live-Filter beim Speichern ins Photoshop-Format zu Rasterebenen konvertiert. (eigentlich logisch, da Photoshop die Live-Filter nicht kennt)

  • Grundsätzlich alle Filter in Affinity Photo sind extrem schnell, ein Bewegen der Schieberegler zeigt sofort den Effekt im Bild an. Hier hat Photoshop mit seinen Mini-Vorschauen eindeutig das Nachsehen.

  • Die "Liquify Persona" ist das Pendant zum inzwischen ziemlich unübersichtlichen und überfrachteten "Verflüssigen"-Filter in Photoshop. Einfach, intuitiv - klasse.

Affinity Photo ist ein absolut starkes Bildbearbeitungsprogramm zum kleinen Preis, da sich anschickt, in absehbarer Zeit ein ernstzunehmender Konkurrent von Photoshop zu werden.