Tutorial - Alte Objektive








Alte Objektive aus vergangenen Tagen haben Charme. Es ist mit ihnen ein ganz anderes Fotografieren - so ein bisschen wie Oldtimer fahren.

Natürlich ist es unsinnig, ein gebrauchtes Objektiv aus den 80'ern, das man bei Ebay für € 50,- "geschossen" hat, mit einem aktuellen € 800,- teuren AF-S-Objektiv direkt zu vergleichen. - Immerhin liegen da fast 40 Jahre Entwicklung dazwischen, Autofokus oder Bildstabilisator gab es zu der Zeit noch nicht. Auch bei der Vergütung der Linsen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einiges getan. Und Objektive, die in der alten Zeit nur durchschnittliche Leistung boten, sind heute auch keine Spitzenoptiken.

Dennoch verfügen alte (manuelle) Objektive aus der analogen Zeit definitiv über einen gewissen "Charme". Die Verarbeitungsqualität ist (meistens) absolut spitze und auch von der Abbildungsleistung her kann so manches "alte Schätzchen" durchaus mit aktuellen - wesentlich teureren - Linsen mithalten. Auch führt der "Zwang", manuell zu fokussieren, zu einer ganz anderen - bewussteren - Art des Fotografierens.

Nikon-Baureihen


Ein Riesenvorteil von Spiegelreflexkameras der Marke Nikon gegenüber den Mitbewerbern ist das "F-Bajonett". Dank Nikons Bajonett-Treue können Sie heute an Ihrer aktuellen DSLR problemlos (fast) alle Objektive, die nach 1976 gebaut wurden, verwenden. Hier ein kurzer (und grober) Überblick der verschiedenen Baureihen manueller Objektive, (genauere und tiefergehende Infos finden sich im Internet, z.B. hier):

Pre-Ai oder Non-AI (vor 1977)

Diese Objektive passen nicht an moderne DSLR. - Viele lassen sich allerdings modifizieren (= "Ai-Mod" oder "AI-conversion"). Hierzu wird ein kleiner Teil des Blendenrings entfernt. - Das kann jeder mit einer Metallfeile und ein klein wenig handwerklichem Geschick, Anleitungen finden sich zu Hauf im Internet (z.B. hier). Alternativ kann der Umbau auch durch spezielle Anbieter durchgeführt werden (z.B. hier).

Diese Objektive können nur komplett manuell verwendet werden, da sie über keinerlei Möglichkeit verfügen, elektronisch mit der Kamera zu kommunizieren. D. h. die Blende muss manuell am Objektiv eingestellt werden, bei der Aufnahme werden keine Daten (Objektivmodell, Blende etc.) an die Kamera übertragen und in der Bilddatei abgespeichert und die Programmmodi "A", "P" und "S" sind nicht verfügbar.

Ai (1977 - ca. 1988)

Ai-Objektive können problemlos - allerdings rein manuell - an allen gängigen Nikon DSLR verwendet werden. Manchmal können sie sogar mit einem Dandelion-Chip ausgerüstet werden. Ich empfehle jedoch, hier vor einer Umrüstung eine Recherche zum entsprechenden Objektiv durchzuführen.

AiS (1981 - ca. 2006)

Auch die AiS-Objektive können problemlos (manuell) an modernen Nikon-DSLR verwendet werden. Im Gegensatz zu den Ai-Varianten lassen sie sich in der Regel mit geringem Aufwand "chippen" und arbeiten anschließend (bis auf den Autofokus) exakt wie moderne Modelle an Ihrer Kamera. Eine sehr schöne Übersicht finden Sie hier.

Serie-E (1981 - ca. 1989)

Nikon versuchte Anfang von 1979 bis 1987 mit der E-Reihe neue Kundensegmente (Hobby-Fotografen) zu erschließen. Die Idee war, die bis dahin äußerst hochwertig hergestellten Objektivgehäuse durch preiswertere Kunststoff-Konstruktionen zu ersetzen. - Allerdings sollten die qualitativ hochwertigen Gläser der "richtigen" Nikkore auch in der Serie E zum Einsatz kommen.

Diese Marktstrategie kam allerdings nicht bei der avisierten Kundengruppe an. Die dachte nämlich in der Mehrheit, die Serie E wäre eine Objektivreihe "zweiter Wahl" und kaufte lieber weiterhin die teureren, vermeintlich besseren Optiken. Nikon verabschiedete sich demzufolge Ende der 80'er von der Serie E.

Ironischerweise ist die Verarbeitung und Haptik dieser "Billigheimer" hervorragend - mitunter annähernd so gut wie die aktueller AF-S-Objektive. Die (gemeinhin unterschätzten) E-Serie-Objektive können Sie heutzutage wesentlich günstiger als die "original" Nikkore erstehen.

Serie-E-Objektive entsprechen der AiS-Baureihe und lassen sich folglich problemlos chippen.

AF-Objektive (seit 1986 - heute)

Nikons erste Generation von Autofokus-Objektiven arbeitet mit einem externen Fokusmotor - nämlich dem der Kamera. Vom Prinzip her funktioniert das Ganze über einen Kupplungsmechanismus, der ähnlich einem Schraubenzieher funktioniert. (Daher trifft man auch manchmal auf die Bezeichnung "Screwdriver-Lens".)

AF-Objektive werden bis heute noch gebaut und verkauft.

Einschränkungen


Bei der Verwendung alter Objektive muss man einige Einschränkungen in Kauf nehmen:

  • Objektive vor den "AF"-Modellen haben keinen Auto-Fokus, manuelles Scharfstellen ist also angesagt. Der Fokus-Indikator ist bei Nikon als "Punkt" in der linken unteren Ecke des Sucherbildes untergebracht. Obwohl das im Vergleich zu anderen Herstellern recht spartanisch anmutet, funktioniert es in der Praxis erstaunlich gut - zumal die alten Linsen auf manuelles Fokussieren ausgelegt ist und dementsprechend sehr fein scharfgestellt werden können.

  • Die Linsen alter Objektive verfügen i.d.R. nicht über moderne Vergütungen und neigen daher oft zu Gegenlicht-Empfindlichkeit (Lens-Flares). Manch einer hasst es, andere finden es toll.

  • Bei Offenblende erreichen die alten Optiken meist nicht ihre volle Schärfeleistung (viele neuere Linsen allerdings auch nicht). Üblicherweise muss um 1 oder 2 Blenden abgeblendet werden, dann sind sie jedoch im Vergleich zu neuen Linsen durchaus konkurrenzfähig.

  • Alte Objektive können (datentechnisch) nicht mit der Kamera "kommunizieren", ihnen fehlt der dazu notwendige Chip (den Objektive seit der "AF"-Serie besitzen). Daher fehlen den Bildern Exif-Informationen (wie Blende, Modell etc.). Außerdem kann die Blende nicht durch die Kamera eingestellt werden. Dies kann durch Chippen des Objektivs behoben werden.

  • Der Autofokus-Motor der AF-Objektive ist in der Regel etwas langsamer und lauter als der aktueller AF-S-Objektive, da diese den Motor direkt im Objektivgehäuse eingebaut haben.

  • Der Autofokus von AF-Objektiven lässt sich nicht an den "kleineren" Kameras (z.B. D70, D3x00, D5x00) nutzen, da diese keinen eigenen Autofokus-Motor besitzen. Hier muss manuell scharf gestellt werden.

Workflow "ungechippte" Objektive (Lightroom)


Durch den Umstand der Adaption meiner alten Objektive an die kleine Fuji verliere ich durch den Adapter natürlich (leider) hilfreiche Exif-Informationen (wie z.B. Objektivdaten, verwendete Blende). Die Infos, die später in Lightroom & Co. ankommen, sind äußerst spärlich (z.B. Objektiv "-", Blende "1.0"), was mich immer wieder dazu brachte, diese ansonsten phantastischen Objektive nicht zu Shootings mitzunehmen. - Hier habe ich allerdings inzwischen einen praktikablen Workflow entwickelt:

Mit dem kleinen Programm "Exiftool" von Phil Harvey und der dazu passenden grafischen Oberfläche "ExiftoolGUI" von Bogdan Hrastnik füge ich den Raw-Dateien vor dem Import in Lightroom einfach die (für mich) wichtigen Infos hinzu.

Hierzu habe ich mir eine kleine Textdatei mit den Bezeichnungen meiner manuellen Objektive angelegt. Aus dieser kopiere ich den passenden Text einfach in die entsprechenden Felder.

Nach dem Import in Lightroom sind ich die fehlenden Infos nun dort verfügbar.

  •  ExifToolGUI 
  •  lenses.txt 
  •  Lightroom 

Ebay


In den letzten Jahren haben durch die Unsitte der großen Objektivhersteller, kein Objektiv unter € 600,- anzubieten, alte Objektive eine regelrechte Renaissance erlebt - wodurch leider ihre Preise deutlich angezogen haben. Einige der alten Star-Optiken (z.B. das legendäre Nikon Noct Nikkor 58mm f/1.2 Ai-S) werden heute zwischen € 2.500 und € 3.500,- gehandelt.

Konnten Sie im Jahr 2014 bei Ebay das hervorragende Nikon Nikkor 135 f/2.8 AIS (in gutem Zustand) noch für ca. € 75,- ergattern, müssen Sie heutzutage € 150,- bis € 250,- dafür hinlegen. Hier empfiehlt sich ein gutes Auge und ein langer Atem:

  • Schauen Sie sich die gezahlten Preise bei verkauften Artikeln an, dann haben Sie eine grobe Richtlinie für einen realistischen aktuellen Wert und können sich ein Preislimit setzen.

  • Nun heißt es, aufmerksam die vorhandenen Angebote zu beobachten. Ist das gewünschte Objektiv nicht unter Ihrem Limit zu haben, warten Sie einfach 1 oder 2 Wochen und versuchen es dann nochmal.

  • Vergessen Sie die "Sofort-Kaufen"-Angebote. Hier werden üblicherweise utopische Mondpreise angesetzt. Schauen Sie lieber nach Auktionen oder Angeboten mit "Preisvorschlag".

  • Achten Sie exakt auf die Artikelbeschreibung und die Bilder. Mitunter werden völlig unbrauchbare oder verpilzte Objektive angeboten. Achten Sie auf Begriffe wie "Linsen klar und ohne Fungus", "leichtgängiger Fokus", "Blende nicht verölt", "keine oder nur wenige Staubeinschlüsse". Fehlen solche Infos: Fragen Sie nach oder vergessen das Angebot.